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>Forian Wüst

Tolms Traum, 24. 01. -16. 02. 08

Der Berliner Künstler und Filmkurator Florian Wüst beschäftigt sich in seiner künstlerischen Arbeit mit der Aneignung und Inszenierung historischer Dokumente, die sich oft auf Ereignisse und Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte beziehen.

In seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Visite ma tente zeigt Florian Wüst eine großformatige Wandzeichnung sowie eine kleine Serie von Digital- und Laserdrucken, in denen er sich mit dem Themen der Inneren Sicherheit und der medialen Debatten um Terrorismus und politische Gewalt auseinandersetzt. Als historische Referenz dienen Texte Heinrich Bölls, wie z.B. die Erzählung Ende einer Dienstfahrt (1967) oder der Roman Fürsorgliche Belagerung (1979), den Böll unter dem Eindruck des "deutschen Herbst" 1977 schrieb. Fürsorgliche Belagerung handelt vom Verleger und Verbandspräsidenten Fritz Tolm, der ganz oben steht, "wo es keine Ruhe, keine Rast, keine Entspannung, kein Privatleben mehr für ihn geben sollte; da sollte er nun zu Tode gehetzt, zu Tode geschützt, sollte er aufs äußerste exponiert werden." Das Netz von Sicherheitsmaßnahmen, das um ihn und seine Familie gespannt wird, erwächst zum Instrument totaler Be- und Überwachung.

Spätestens seit seinem Spiegel-Artikel Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit? vom Januar 1972 galt Heinrich Böll in konservativen Kreisen als "geistiger Sympathisant" des Terrorismus, von der BILD-Zeitung oder der WELT wurden regelrechte Hetzkampagnen gegen den linkspolitsch engagierten Autor und Nobelpreisträger geführt. Böll reagierte seinerseits mit der Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (1974), mit der er sich zweifelsfrei gegen die Machenschaften und Manipulationen der öffentlichen Meinung durch die Springer-Presse wandte.

Florian Wüst nimmt geringfügig redigierte Textfragmente von Böll sowie zeitgleiche Zeitungsberichte, Bilder und Werbegrafiken und appliziert sie auf gegenwärtige Ereignisse, wie z.B. den Brandanschlag auf das Auto des BILD-Chefredakteurs Kai Dieckmann vom Mai 2007 oder oder die jüngsten Entscheidungen des Bundesgerichtshofes im Zusammenhang mit dem §129 StGB. Die ihrem ursprünglichen Kontext enthobenen Materialien werden sodann zu neuen Plakate, Zeitungs- und Webblogausschnitten montiert. Die Wandzeichnung, die ebenso auf der Collage verschiedener fotografischer Vorlagen basiert, bildet einen assoziativen, surreal anmutenden Umgrund zu den Arbeiten auf Papier.

Die dergestaltigen Eingriffe in historische und zeitgenössische Bilder und Texte schaffen eine subtile Verschleifung von Wirklichkeit und Fiktion, Gegenwart und Geschichte. Dem Betrachter soll sich erst beim genaueren Hinsehen erschließen, dass es sich bei den ausgestellten Werken um fingierte Konstrukte handelt. Florian Wüst geht es in Tolms Traum nicht nur um die Analyse einer Werbe- und Medienrealität, in welcher Begriffe wie "Terror", "Angst" oder "Zukunft" ständig instrumentalisiert werden, sondern vielmehr um die spielerische Erkundung der psychologischen Untiefen einer Gesellschaft, deren bürgerliche Ordnung sich vermeintlich latenten und zunehmend komplexeren Gefahren ausgesetzt sieht.

Die Ausstellung in Visite ma tente ist ein Partner Event des Club Transmediale "Unpredictable" (25. Januar - 2. Februar 2008). Eine Installation von Florian Wüst mit Videoanimation und Wandzeichnung wird außerdem im Maria am Ostbahnhof, dem Hauptveranstaltungsort des Club Transmediale, zu sehen sein.