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Ricoh Gerbl

14. 09. 07. -12. 10. 07. Ricoh Gerbl, Mittwoch

Paare, Passanten

Die erste Ansicht der neuen Arbeiten von Ricoh Gerbl legen diesen Titel nahe. Er beschreibt, was zu sehen ist. Aber das Sehen und das Gesehene gehören zwei verschiedenen Kategorien an. In einer vereinfachten Beschreibung ließe sich hier zwischen dem Akt der Wahrnehmung und der Erinnerung an diesen Akt differenzieren. Die Differenz aber ist nur vorgegeben, denn das Gesehene ist in der Erinnerung abgespeichert als ein Bild. Dieses Bild aber ist nicht als Erinnerung der Wahrnehmung vorhanden. Vor den Bildern von Ricoh Gerbl aber geschieht etwas anderes. Vor dem Betrachter scheint sich das Abgebildet im Bild aufzulösen, als wäre es tatsächlich eine Erinnerung. Aber die Erinnerung kennt zwei ‚Richtungen'. Die eine besteht in der Auflösung, die andere in der Konstruktion. Wir erinnern uns, weil wir uns erinnern wollen.

Diese Doppelung der Wahrnehmung lässt sich auch vor den Bildern von Ricoh Gerbl feststellen. Denn das, was wir wie hier sehen, ist auch entstanden auf der Oberfläche der Bilder. Was nicht sichtbar ist, kann sogar sprachlich ergänzt werden, wenn es erkannt wird. So sind die schmalen Striche auf der Strasse keinesfalls auf der Strasse, sondern sie sind Schattenwürfe der Strassengitter. Die Paare sitzen selbst auf diesen Gitter und das lässt sich erkennen. Neben der Auflösung existiert auch eine Konstruktion. Die kann sozusagen auf der Oberfläche des Bildes entstehen, als ein Konterpart zur Auflösung. Aber andererseits geschieht diese Konstruktion auch im Auge des Betrachters. Der geht nicht mit leeren Augen auf die Wahrnehmung zu, sondern trägt das schon Gesehene in das neu Gesehene mit hinein. Jedes Sehen ist auch immer ein Wiedererkennen.

Dieses Wiedererkennen wird im Titel verdeutlicht. Er ist eine Referenz an die Theaterstücke von Botho Strauss und die Bilder von Ricoh Gerbl erinnern den Autor an die Bühnenbilder der Inszenierungen der Stücke von Botho Strauss an der Schaubühne Berlin.

Ricoh Gerbl lässt ihre Bilder begleiten von kurzen Texten . "Nimmt das Gesehene als Hintergrund, als Bühnenbild an, ..." Bild und Text, jedes für sich und dennoch in Abstimmung miteinander, verständigen sich: Festhalten oder flüchten. Auf der Schaubühne Text ist beides möglich. Wie in den Bildern von Ricoh Gerbl: Erscheinung und Auflösung.

Thomas Wulffen