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Jan Rohlf
Michael Schultze

19. 09. -14. 10. 2009, Jan Rohlf und Michael Schultze, A Necessary suspension

Die Galerie Visite ma Tente freut sich vom 18. September bis 09. Oktober 2009 neue Arbeiten der in Berlin lebenden Künstler Jan Rohlf und Michael Schultze zeigen zu können.

Jan Rohlfs neue Arbeiten sind am Computer angefertigt, teils einfache Vektorgraphiken, teils aufwendig erstellte 3D Renderings, in Ihrer Ikonographie informiert von Science-Fiction Illustrationen und Heavy Metal Plattencovern.

Die zweidimensionalen Graphiken - reduzierte, an Zeichnungen der konkreten Kunst und der Minimal Art erinnernde großformatige Lambda Prints auf schwarzem Grund - haben ihren Ursprung in der ausführlichen Beschäftigung Rohlfs sowohl mit wissenschaftlichen Diagrammen als auch gnostischen Darstellungen. Diese Darstellungen dienen in ihrem jeweiligen Kontext - der Wissenschaft sowie der religiösen/metaphysischen Weltanschauung - der Erklärung von Welt. Im Zusammenspannen dieser sich widersprechenden, doch ästhetisch erstaunlich ähnlichen Darstellungen und in der radikalen Reduktion, die er an den Originalen vornimmt, erzielt Rohlf eine Emblematik der dunklen Bedeutung, eine Hypostasierung der uns umgebenden Welterklärungsmodelle.

Ideal ergänzt werden diese kryptischen Zeichen/Zeichnungen durch die illusionistischen C-Prints, gefährlich nahe an der verführerischen Lust am Plastischen bestimmter popkultureller Bildfindungen: Aus einem jenseitigen Licht heraus erscheint eine schwebende Kugel, durchzogen von Kanälen und der Schnitt durch eine hügelförmige Landschaft offenbart ein Geflecht von Höhlen und Gängen - beide überzogen von dickflüssiger Materie, die an gelierendes Blut erinnert. Diese Bilder oszillieren zwischen wissenschaftlichen Darstellungsformen und der erschreckenden Vision einer jenseitigen Welt am Rande unserer Vorstellungskraft.

Das Atelier als Bühne bildet den zentralen Kern der künstlerischen Auseinandersetzung Michael Schultzes. Das Atelier ist eine Bühne, in der sich das Schauspiel des Werks ereignet. Die Protagonisten dieses Spiels sind die Objekte, die darum buhlen in den Rang einer Arbeit, eines Werks, zu gelangen, und der Körper des Künstlers. Dabei umfasst Michael Schultzes Praxis Fotografien, abstrakte, an informelle Zeichnungen erinnernde Photogramme, Skulpturen aus Gips und ungebranntem Ton, Texte, Collagen und Filme. ”The Book on Form“ ist der Titel einer fortlaufenden Serie von Schwarz/Weiß-Fotografien, die Atelierszenen und Objektfotografien zeigen, in denen der Künstler als Aktmodell mit seinen Erzeugungen posiert. Den Fotografien Brancusis nicht unähnlich beschreiben die Fotografien Möglichkeitsformen einer künstlerischen Arbeit, sie sind fragile Materialisationen einer Produktion, zwischen Performance (dem Akt) und Inszenierung (der Arbeit).

Das wiederkehrende Motiv in den Fotografien, Zeichnungen Skulpturen und Filmen Michael Schultzes ist sicher der Zweifel wie die Sehnsucht - beides emotional wie intellektuell fragwürdige Haltungen. Läst sich der Zweifel noch relativmühelos in einen kritischen Diskurs integrieren, so birgt das Sentiment ungleich größere Gefahren, lauert doch hier die Verklärung als dauernder Wegbegleiter und diese trübt gemeinhin den kritischen Blick. Der Ansatz der Arbeit Schultzes versucht sich einen Pfad durch die Tücken dieser Emotionalitäten zu bahnen - sozusagen mit den Madeleines Prousts im Gepäck - um sich mit der Dialektik des Neuen auseinanderzusetzen.

So sind die meisten der Skulpturen und Objekte, die an Objekte des klassischen Modernismus erinnern, aber immer mit einem gewissen Fehler behaftet, in zu fragilem Material - Papier, ungebrannter Ton, zerbrechender Gips - ausgeführt und auch sonst formal Kurve pover. Die Fotografien sind ungleichmäßig beschnitten, teils mit Staub übersäht, in verwaschenen Schwarz/Weiß, die Skulpturen zerbrechlich. Die Arbeiten sind aus der Zeit gefallen, sind Partialobjekte eines größeren Puzzles, das der Betrachter selbst zusammensetzen muss.

Der Titel der Ausstellung A Certain Suspension - im englischen eine Doppelbedeutung von Aufhängung und Verzögerung - formuliert Begriffe, die in ihrer Metaphorik eine Klammer um die Arbeiten beider Künstler legen helfen.

Quasi von zwei gegensätzlichen Polen aus bearbeiten Jan Rohlf und Michael Schultze ähnliche Phänomene: die Verzögerung der Geschichte bei Michael Schultze, welche als wuchernde Science-Fiction bei Jan Rohlf ihr anderes Ende erspäht. Wie auch die schwebenden illusionistischen Körper Jan Rohlfs in Schultzes Arbeit ihren Gegenpol als an sich selbst ”suspensionierte“ Objekte in inszenierter Umgebung finden.