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Carlos de Abreu
Kane Do
Vanessa Henn
Jörg Hundertpfund
Hervé Humbert
Marie-josé Ourtilane
Lorenz Wiegand

19. 06. bis 05. 07. 08., Tafelbild
Eröffnung mit Blutwurstherstellung des Europameisters und Chevalier du Goûte Boudin Marcus Benser und anschließendem Essen

Visite ma tente zeigt ”Tafelbild“, eine Präsentation, die unterschiedliche Positionen von Designer/innen und Künstler/innen als Gruppenausstellung vereint. Die einzelnen Arbeiten, ob vorgefunden oder produziert, artikulieren sich als komponiertes Ensemble. Der Ort dieser Komposition ist die Galerie selbst.

Während der Ausarbeitung des Projekts, das sich in der gemeinsamen Auseinandersetzung aller Beteiligten entwickelt hat, gab es weniger den Wunsch nach Konfrontation als vielmehr nach einem Gegenüber, wodurch Zusammenhänge des Gebrauchs sich in Richtung eines Symbolgehalts verschoben haben, und die Funktion eines Objekts nurmehr ein Vorwand ist. Diese Absicht formuliert sich als Aufweichung von Grenzen und Definitionen.

Der Vorschlag von Lorenz Wiegand, den Europameister der Blutwurstherstellung Marcus Benser zur Vernissage einzuladen, fügt dem Dialog von Kunst und Design ein neues Element hinzu; indem der Handwerker mit einbezogen wird, werden die Kategorien an sich hinterfragt.

Wie auch immer die frische Blutwurst inmitten der Galerie auf die Tafel kommt, laden wir Sie herzlich ein, vorbehaltlos dem Meister zu huldigen und sein Werk zu genießen.

Marie jose Ourtilane
übersetzung Barbara Wille

Handläufe sind banale räumliche Objekte, die im Dienst von Architektur und Körper stehen. Sie sind ein direkter Kontaktpunkt zwischen Mensch und Architektur. Sie werden benutzt, losgelassen, sofort wieder vergessen oder von vornherein übersehen. Vanessa Henn beraubt sie ihrer Funktionalität. Als Skulptur eigenständig geworden, fassen und bewegen ihre Handläufe den Raum.In ihrer Arbeit "Haltestelle" wird das Geländer erneut umgedeutet; diesmal mit einer neuen Funktion: der waagrecht installierte Handlauf ist nach vorn gekippt und in verschieden farbige Abschnitte untergliedert. Jeder breit genug einer Person Platz zu bieten, um sich anzulehnen um zu betrachten, oder nur um zu verweilen.

Lorenz Wiegand fertigt für den ”Chevalier du Goûte Boudin“ eine Tafel zur Herstellung und Verköstigung von Blutwurst vor Ort. Die einzelnen Elemente der Tafel dienen der Blutwurstfabrikation. Form und Farbe dieses Objekts stehen in direktem Bezug zu der Aktion und dem Raum. Die Tafel ist Teil des Gesamtbildes und wird komplettiert durch gestapelte Stühle, die von den Gästen und Besuchern beliebig genutzt werden können. Ein Stuhl hebt sich von den anderen ab und sticht hervor.

Den dekorativen, funktionellen Bedürfnissen von Gegenständen begegnet Carlos de Abreu mit einem Gasbehälter, der nicht mehr brennt und einem Wasserbehälter, der nicht mehr hält.

Das Objekt ”Madame“ von Hervé Humbert funktioniert als zweites Tafelbild, das den ganzen Raum und die gesamte Ausstellung reflektiert und verdoppelt.Es handelt sich jedoch um keine ”neutralen“ Spiegel; vielmehr waren sie Teil der Einrichtung des mittlerweile geschlossenen Bordells ”Madame“ in der Metzer Straße - Projektionen von Objekt und Betrachter kreuzen sich.

Der Gestaltungsansatz von Jörg Hundertpfund liegt in der Auseinandersetzung mit der Frage des Verhältnisses von Gebrauch, Form und Aussage. Es geht ihm u. a. darum, das Verhältnis von Gebrauchswert und formaler Entsprechung, der Konventionen der Form, auf die Probe zu stellen. Durch das Festalten an einer banalen Funktion, an der Alltagstauglichkeit und dem zum Teil radikalen Bruch mit der ”Verbindlichkeit‘ formaler Konventionen, die in der Regel den Bezug in Form der ähnlichkeit mit einem Vor-Bild (Archetyp) suchen, entsteht eine besondere Art der Verunsicherung, Irritation die eine andere, neue Sicht der Dinge ermöglicht.
Die im Rahmen der Ausstellung gezeigte "Chaiselounge" ist als Ruhe- und Liegemöbel nicht erkennbar, es gibt in semantischer Hinsicht keinen Verweis auf eine Grundfigur, die die nötige Verbindlichkeit herstellt. Auch wenn ein völlig anderes assoziatives Feld beschrieben wird, das keinen Rückschluss auf ein Möbel zulässt, sind in das Objekt die klassischen Parameter einer Liegenabwicklung dabei ganz offensichtlich eingeschrieben und in diesem Sinne auch zu gebrauchen.

Die ”Antenne“ von Kane Do simuliert einen alltäglichen Gegenstand und stellt ihn auf den Kopf. Ein Objekt, das entwickelt wurde, Strahlung zu empfangen, wird hier zu einer Quelle von Strahlung. Im Kontext der Ausstellung jedoch, zieht sie die Blicke auf sich und erhält dadurch paradoxerweise ihre ursprüngliche Funktion als Empfänger.

Marie jose Ourtilane zeigt einen Film, der ohne ein Dokumentarfilm zu sein, einer sein könnte.